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Zur praxistheoretischen Rekonstruktion des Historischen Materialismus

Published in Emanzipatorischer Materialismus

Abstract

Der Beitrag fragt, ob und in welchem Sinne eine kritische Gesellschaftstheorie auf materialistische Grundlagen angewiesen ist, nachdem der Historische Materialismus seinen Status als expliziter Referenzpunkt gegenwärtiger kritischer Theorie verloren hat. Ausgehend von Amy Allens Diagnose, dass immanent verfahrende kritische Theorien auf geschichtliche Lernprozesse rekurrieren müssen, entwickelt er drei Adäquatheitskriterien für eine aktualisierte materialistische Theorie: Sie muss Krisen materieller Praktiken beschreiben können, die über bloße interne Inkonsistenzen begrifflicher Selbstverständnisse hinausgehen, deren Auflösung retrospektiv als normative Verbesserung deutbar ist und die als "objektiv" gelten. Der Artikel schlägt einen praxistheoretischen und expressivistischen Materialismus sozialer Praktiken vor, der sich auf Ausdruckstheorien der Normativität (Taylor, Brandom) sowie auf Jaeggis Praxis- und Kritikbegriff stützt. In diesem Modell werden materielle Praktiken als durch Anerkennung vermittelte Konvergenz von Klassifizierungen verstanden, aus denen praxisabhängige normative Standpunkte – und damit ein präziser Begriff von "Klasseninteressen" und "Klassenstandpunkten" – hervorgehen. Krisen entstehen dort, wo Praktiken systematisch unversöhnbare, nur durch Macht stillstellbare Interessengegensätze produzieren; Fortschritt liegt in der Auflösung solcher Hierarchien. Dieser an Hegel und Marx anschließende Fortschrittsbegriff dient nicht der ideologischen Abwertung nichtwestlicher Gesellschaften, sondern verpflichtet gerade zur kritischen Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit und neokolonialen Gegenwart.

Publication details

Date of publication
20 Jul 2026
Pages
67-82
Edited by
Loick, Daniel, Schmidt, Christian, Schuhmacher, Isette
Publisher
Suhrkamp

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